Was macht ein verfahrensleitender Sachbearbeiter für die Insolvenzverwaltung?
Wird ein Unternehmen oder eine Privatperson insolvent, bestellt das Gericht einen Insolvenzverwalter. Der unterschreibt die Schriftsätze, führt das Verfahren aber selten selbst im Detail – das übernimmt die verfahrensleitende Sachbearbeitung. Sie sichtet die Buchhaltung des Schuldners, ermittelt Bankguthaben, Forderungen, Fahrzeuge, Maschinen und Grundstücke, kündigt Verträge, korrespondiert mit Finanzamt, Krankenkassen und Sozialversicherungsträgern und beantragt Insolvenzgeld für die Beschäftigten. Sie legt die Insolvenztabelle an, prüft jede angemeldete Forderung auf Grund und Höhe, erkennt an oder bestreitet. Sie rechnet aus, ob Zahlungen der letzten Monate vor dem Antrag anfechtbar sind, und fordert sie zurück. Am Ende stehen Zwischenberichte, Schlussrechnung, Verteilungsverzeichnis und die Auszahlung der Quote. In größeren Kanzleien betreut eine Person 60 bis 150 Verfahren gleichzeitig, überwiegend Verbraucher- und kleinere Regelinsolvenzen; große Unternehmensverfahren werden im Team bearbeitet.
Wie wird man verfahrensleitender Sachbearbeiter?
Es gibt keine eigene Ausbildung. Der übliche Weg führt über eine Ausbildung zum Rechtsanwaltsfachangestellten, zum Justizfachangestellten, über den Rechtsfachwirt oder über ein wirtschaftsrechtliches oder betriebswirtschaftliches Studium. Auch Steuerfachangestellte, Bilanzbuchhalter und Bankkaufleute wechseln in dieses Feld, weil Bilanz- und Kontenverständnis stark gebraucht wird. Juristen ohne Zweites Staatsexamen finden hier ebenfalls einen Platz. Entscheidend ist die Einarbeitung in der Kanzlei: Insolvenzrecht wird praktisch gelernt, begleitet von Seminaren, etwa zum zertifizierten Insolvenzsachbearbeiter oder Insolvenzfachwirt. Bis eine Sachbearbeiterin Verfahren wirklich eigenständig führt, gehen meist ein bis zwei Jahre ins Land.
Was der Beruf verlangt
Die Arbeit ist fristgetrieben. Berichtstermine, Anfechtungsverjährungen und Tabellenfristen lassen sich nicht verschieben, und mehrere Verfahren erreichen ihre kritische Phase gleichzeitig. Wer Aktenmengen nicht ordnen und priorisieren kann, geht unter. Dazu kommt der Umgang mit Menschen in schlechter Lage: Geschäftsführer, die Unterlagen nicht herausgeben, Arbeitnehmer, die um ihr Geld bangen, Gläubiger, die Druck machen. Freundlich, aber unbeirrbar zu bleiben, ist Teil der Aufgabe. Verhandlungsgeschick beim Verkauf von Betriebsvermögen und Genauigkeit bei Zahlen sind Pflicht, ebenso sichere Arbeit mit Fachsoftware wie winsolvenz oder LOUIS. Die Arbeitszeiten sind normale Bürozeiten, in Betriebsfortführungen und bei Ortsbesichtigungen aber auch länger und außer Haus. Körperlich ist der Beruf unauffällig, mental fordert er Ausdauer über Jahre – Verfahren laufen selten kürzer als drei, oft fünf oder mehr Jahre.
Aussichten
Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist nach dem Tief der Pandemiejahre wieder deutlich gestiegen, und die Verwalterkanzleien finden schwer qualifiziertes Personal. Erfahrene Sachbearbeiter mit eigenem Verfahrensbestand werden abgeworben, ein Wechsel innerhalb der Branche ist meist ohne Weiteres möglich. Entwicklungswege führen zur Teamleitung, zur Spezialisierung auf Anfechtung, Arbeitsrecht in der Insolvenz oder Betriebsfortführung, zum Bürovorsteher oder in die Restrukturierungsberatung. Zum Insolvenzverwalter selbst kann nur aufsteigen, wer Volljurist ist. Wer in andere Felder wechseln will, ist mit dieser Erfahrung bei Banken in der Sanierungsabteilung, bei Kreditversicherern und in großen Forderungsmanagement-Abteilungen gesucht.