Was macht ein schwindelfreier Elektriker?
Die fachliche Arbeit unterscheidet sich zunächst kaum von der eines Elektronikers am Boden: Kabel auflegen, Klemmstellen nachziehen, Schaltschränke verdrahten, Messungen nach DIN VDE durchführen, Fehler in Steuerungen suchen, Frequenzumrichter oder Sensorik tauschen. Der Unterschied liegt im Arbeitsplatz. Der befindet sich in der Gondel einer Windenergieanlage 100 Meter über dem Boden, auf einem Sendemast, an einem Freileitungsmast, im Turm eines Aufzugs, auf einer Kranbrücke oder auf einem Hallendach.
Ein Arbeitstag beginnt häufig mit der Anfahrt zum Standort, der Sichtung der Auftragsunterlagen und der Prüfung der persönlichen Schutzausrüstung. Danach folgt der Aufstieg – bei Windenergieanlagen über Steigleiter mit Steigschutzsystem oder Serviceaufzug, mit Werkzeug und Ersatzteilen im Rucksack. Oben wird die Anlage freigeschaltet, gegen Wiedereinschalten gesichert und die Spannungsfreiheit festgestellt. Dann wird gearbeitet: Wartungspunkte abarbeiten, Drehmomente kontrollieren, Isolationswiderstände messen, Störungen protokollieren. Am Ende steht die Dokumentation, oft digital über Tablet, und die Übergabe an die Leitstelle.
Wie wird man schwindelfreier Elektriker?
Grundlage ist eine abgeschlossene Ausbildung im Elektrobereich, etwa als Elektroniker für Betriebstechnik, für Energie- und Gebäudetechnik oder als Mechatroniker. Die Ausbildung dauert dreieinhalb Jahre im Betrieb und in der Berufsschule. Die Höhenqualifikation kommt danach hinzu: eine arbeitsmedizinische Eignungsuntersuchung nach dem Grundsatz G41 für Arbeiten mit Absturzgefahr sowie eine Schulung im Umgang mit persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz. In der Windbranche sind zusätzlich die GWO-Module Höhenrettung, Erste Hilfe, Brandschutz und manuelle Handhabung Standard, dazu häufig ein Kran- und Anschlägerschein.
Quereinstieg ist möglich, aber nur aus einem elektrotechnischen oder mechatronischen Beruf heraus. Wer als Industriemechaniker oder Anlagenmechaniker kommt, kann sich über eine Weiterbildung zur elektrotechnisch befähigten Person für definierte Tätigkeiten qualifizieren; für eigenverantwortliches Arbeiten an Anlagen ist die volle Elektrofachkraft nötig.
Was der Beruf verlangt
Schwindelfreiheit allein reicht nicht. Der Aufstieg auf eine Windenergieanlage ist eine körperliche Leistung, die täglich mehrfach anfallen kann, und oben ist es eng, laut, im Sommer heiß und im Winter kalt. Wer Höhenangst nur unterdrückt, hält das nicht lange durch. Hinzu kommt hohe Reisetätigkeit: Serviceteams arbeiten oft in Wochenmontage, bei Offshore-Einsätzen in mehrwöchigen Rotationen mit Übernachtung auf Wohnplattform oder Schiff. Rufbereitschaft, Wochenend- und Nachteinsätze bei Störungen gehören dazu.
Die Verantwortung ist erheblich. Fehler an einer Freischaltung oder an einem Anschlagpunkt haben unmittelbare Folgen. Deshalb ist die Arbeit stark durch Sicherheitsvorschriften, Checklisten und Zwei-Personen-Regeln geprägt – wer improvisieren will, ist hier falsch. Belastend ist außerdem der Zeitdruck, wenn eine stillstehende Anlage Ertrag kostet.
Aussichten
Die Nachfrage ist hoch und wächst. Der Ausbau von Windenergie, Netzinfrastruktur und Mobilfunk erzeugt einen anhaltenden Bedarf an Fachkräften, die sowohl elektrotechnisch qualifiziert als auch höhentauglich sind; die Betriebe finden diese Kombination nur schwer. Entwicklungswege führen zum Teamleiter oder Serviceleiter, über die Meister- oder Technikerprüfung in Planung und Bauleitung, in die Inbetriebnahme neuer Anlagen oder in die Ausbildung und Sicherheitsunterweisung. Wer den Außendienst körperlich nicht mehr leisten kann, wechselt oft in Leitstelle, Technischer Support oder Betriebsführung.