Was macht ein Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie?
Der Arbeitstag besteht aus Visiten, Fallbesprechungen und Entscheidungen, die andere nicht treffen können. Oberärzte sehen Kinder mit Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, Traumafolgestörungen, ADHS, Autismus, Psychosen oder Suizidalität, oft in Krisen und häufig nach langem Vorlauf. Sie stellen Diagnosen, legen Behandlungspläne fest, verordnen und überwachen Psychopharmaka und entscheiden über Aufnahme, Entlassung und über freiheitsentziehende Maßnahmen nach richterlicher Genehmigung.
Ein großer Teil der Arbeit ist Führung und Supervision: Assistenzärzte vorstellen lassen, ihre Befunde prüfen, Weiterbildungsgespräche führen, das multiprofessionelle Team aus Psychologen, Pflege, Sozialdienst, Ergo- und Bewegungstherapie zusammenhalten. Dazu kommen Elterngespräche, Kontakte zu Jugendämtern, Schulen und Familiengerichten, Gutachten, Arztbriefe, Qualitätssicherung und Rufdienste.
Wie wird man Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie?
Am Anfang steht das Medizinstudium mit Staatsexamen und Approbation, in der Regel etwa sechs Jahre. Danach folgt die fünfjährige Weiterbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, die Anteile in der Erwachsenenpsychiatrie sowie in Pädiatrie oder Neurologie einschließt und eine psychotherapeutische Ausbildung mit Selbsterfahrung, Supervision und dokumentierten Behandlungsfällen umfasst. Die Oberarztfunktion wird üblicherweise ein bis vier Jahre nach der Facharztprüfung übertragen, oft verbunden mit einem Schwerpunkt wie Essstörungen, Traumatherapie, Autismusdiagnostik oder Forensik. Ein Wechsel aus der Erwachsenenpsychiatrie oder Pädiatrie ist möglich, erfordert aber eine erneute, verkürzte Weiterbildung.
Was der Beruf verlangt
Die Verantwortung ist hoch und selten teilbar. Suizidversuche, Kindeswohlgefährdung, Gewalt in der Familie und aggressive Zuspitzungen auf der Station gehören zum Alltag; nicht jede Behandlung geht gut aus. Die Bettenkapazitäten sind knapp, Wartezeiten auf Ambulanztermine lang, und Eltern kommen häufig erschöpft und fordernd. Dazu kommen Konflikte mit Kostenträgern, Personalmangel in Pflege und Ärzteschaft und ein wachsender Dokumentationsaufwand.
Die Arbeitszeiten sind besser als in vielen operativen Fächern, aber nicht familienfreundlich planbar: Ruf- oder Bereitschaftsdienste, Wochenenddienste, Überstunden. Teilzeitmodelle sind in diesem Fach verbreiteter als anderswo. Wer Distanz nicht halten kann, gerät in Gefahr, die Fälle mit nach Hause zu nehmen; eigene Supervision ist keine Formalität.
Aussichten
Die Nachfrage ist deutlich höher als das Angebot. Kliniken, Tageskliniken und sozialpsychiatrische Ambulanzen suchen dauerhaft Fachärzte, und Oberarztstellen bleiben regelmäßig monatelang unbesetzt. Der Behandlungsbedarf bei Kindern und Jugendlichen ist in den vergangenen Jahren gestiegen, während der Ausbau der Versorgung hinterherhinkt. Entwicklungswege führen zum leitenden Oberarzt, zur Chefarztposition, in die Leitung einer Institutsambulanz, in Lehre und Forschung an einer Universitätsklinik, in die Begutachtung für Gerichte oder in eine eigene Praxis. Wer wechseln will, findet in der Regel schnell eine Stelle.