Was macht ein Facharzt für Psychiatrie?
Der Arbeitstag beginnt meist mit der Übergabe: Was ist auf der Station in der Nacht passiert, wer wurde aufgenommen, bei wem hat sich der Zustand verschlechtert. Danach folgen Visiten und Einzelgespräche. Ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie erhebt psychopathologische Befunde, ordnet Beschwerden diagnostisch ein, schließt körperliche Ursachen über Labor, EKG und Bildgebung aus und legt die Behandlung fest. Dazu gehört die medikamentöse Therapie mit Antidepressiva, Antipsychotika oder Stimmungsstabilisierern samt Kontrolle von Spiegeln, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen, ebenso Psychotherapie in Einzel- und Gruppensitzungen.
Ein erheblicher Teil der Arbeit ist Krisenintervention: Suizidalität einschätzen, Aggression deeskalieren, über Unterbringung nach dem jeweiligen Landesgesetz oder Betreuungsrecht entscheiden. Solche Entscheidungen werden dokumentiert und vor Gericht begründet. Hinzu kommen Angehörigengespräche, Sozialberichte, Arztbriefe, Anträge an Kostenträger und die Abstimmung mit Pflegekräften, Psychologen, Ergotherapeuten und Sozialarbeitern in der Teambesprechung. Wer in einer Praxis arbeitet, führt eher kurze, dichte Sprechstundentermine, stellt Rezepte und Bescheinigungen aus und koordiniert die ambulante Weiterbehandlung.
Wie wird man Facharzt für Psychiatrie?
Am Anfang steht das Medizinstudium: zwölf Semester plus Staatsexamen, danach die Approbation. Der Zugang läuft über einen sehr hohen Numerus clausus, Wartesemester, Eignungstests oder ein Studium im Ausland. Anschließend folgt die fünfjährige Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an einer zugelassenen Klinik, davon ein Jahr in der Neurologie. Vorgeschrieben sind außerdem Psychotherapieausbildung mit dokumentierten Fällen, Supervision und Selbsterfahrung. Die Weiterbildung endet mit der Prüfung bei der Landesärztekammer. Wer aus einem anderen Fach kommt, kann Zeiten anerkennen lassen; ein Quereinstieg ohne Medizinstudium ist nicht möglich. Nach dem Facharzt sind Schwerpunkte möglich, etwa forensische Psychiatrie, Suchtmedizin, Gerontopsychiatrie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie als eigenständige Facharztrichtung.
Was der Beruf verlangt
Die fachliche Hürde ist hoch, die emotionale oft höher. Man arbeitet täglich mit Menschen in Ausnahmezuständen, erlebt Suizide von Patienten, Rückfälle nach Jahren der Stabilität, chronische Verläufe ohne Aussicht auf Heilung. Nähe und Abgrenzung müssen ausbalanciert werden, sonst folgt Erschöpfung. Körperliche Bedrohung durch erregte Patienten kommt vor, in Aufnahme und geschützten Bereichen regelmäßig. Zwangsmaßnahmen gegen den Willen eines Menschen anzuordnen, belastet viele dauerhaft.
Im Krankenhaus gehören Bereitschafts- und Nachtdienste, Wochenenden und Rufdienste zum Alltag, häufig in unterbesetzten Teams. Die Dokumentationslast ist groß, ein spürbarer Anteil der Arbeitszeit geht für Briefe, Gutachten und Verwaltung weg. In der eigenen Praxis sind die Zeiten planbarer, dafür kommen Abrechnung, Personal und wirtschaftliches Risiko hinzu, und die Wartelisten sind lang.
Aussichten
Die Nachfrage ist hoch und wächst weiter: Psychische Erkrankungen sind ein Hauptgrund für Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung, gleichzeitig fehlen in vielen Kliniken und Regionen Fachärzte. Wer bereit ist, außerhalb der Großstädte zu arbeiten, kann sich die Stelle in der Regel aussuchen. Übliche Wege sind Oberarzt und Chefarzt, eine Kassenzulassung mit eigener Praxis, Gutachtertätigkeit für Gerichte und Versicherungen, Arbeit im Maßregelvollzug oder in der Forschung an einer Universitätsklinik. Teilzeit ist in diesem Fach vergleichsweise gut möglich.