Was macht ein Oberarzt der Geriatrie?
Die Geriatrie behandelt alte Menschen, die selten nur eine Erkrankung haben. Ein typischer Patient ist 84 Jahre alt, nach einem Sturz mit Schenkelhalsfraktur operiert, nimmt neun Medikamente, hat eine beginnende Demenz, eine Niereninsuffizienz und seit dem Krankenhausaufenthalt ein Delir. Der Oberarzt sortiert diese Lage: Er visitiert, entscheidet über Diagnostik, streicht Medikamente statt neue hinzuzufügen, legt Therapieziele fest und wägt ab, was einem Menschen in diesem Alter noch nützt und was ihn nur belastet.
Dazu kommt die Leitung des Teams. Oberärzte supervidieren Assistenzärzte, gegenzeichnen Entlassbriefe, führen die wöchentliche Teambesprechung mit Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Pflege und Sozialdienst und verantworten die Dokumentation der geriatrischen Komplexbehandlung, von der die Abrechnung der Abteilung abhängt. Gespräche mit Angehörigen über Vorsorgevollmachten, Ernährung über eine Sonde oder eine Verlegung ins Pflegeheim nehmen einen erheblichen Teil der Woche ein.
Wie wird man Oberarzt der Geriatrie?
Voraussetzung ist das Medizinstudium mit Approbation, danach eine Facharztweiterbildung. Der übliche Weg führt über den Facharzt für Innere Medizin und anschließend die Zusatzweiterbildung oder Schwerpunktbezeichnung Geriatrie, in einigen Ländern auch als eigener Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie. Auch Fachärzte für Neurologie, Allgemeinmedizin oder Physikalische und Rehabilitative Medizin können die Zusatzweiterbildung Geriatrie erwerben. Insgesamt liegen zwischen Studienbeginn und Oberarztposition meist zwölf bis fünfzehn Jahre. Die Beförderung erfolgt nicht über eine Prüfung, sondern über Erfahrung, Verfügbarkeit einer Stelle und die Bereitschaft, Verantwortung für Organisation und Personal zu übernehmen. Wer aus der ambulanten Versorgung oder aus einer Rehaklinik kommt, kann quer in eine Akutgeriatrie wechseln, wenn die Zusatzweiterbildung vorliegt.
Was der Beruf verlangt
Die Arbeit ist emotional fordernd. Viele Patienten verschlechtern sich, ein Teil stirbt auf der Station, Therapieerfolge sind kleinschrittig: dass jemand wieder allein zur Toilette kommt, ist ein gutes Ergebnis. Wer schnelle Heilungen und technische Eingriffe sucht, ist hier falsch.
Dazu kommen Rufdienste und Wochenenddienste, in kleineren Häusern auch Bereitschaft für die ganze Innere Medizin. Der Personalmangel in Pflege und Ärzteschaft trifft die Geriatrie besonders, weil das Fach unter Studierenden wenig beliebt ist. Ökonomischer Druck, Dokumentationslast und Konflikte mit Kostenträgern über die Verweildauer gehören zum Alltag. Belastbarkeit im Umgang mit fordernden Angehörigen ist unerlässlich.
Aussichten
Die Nachfrage ist hoch und wächst mit der Alterung der Bevölkerung. Akutgeriatrien, geriatrische Rehabilitationskliniken und Alterstraumazentren werden ausgebaut, geeignete Bewerber sind knapp, Stellen bleiben oft monatelang offen. Wer sich einmal eingearbeitet hat, hat eine sichere Position und gute Verhandlungsposition. Entwicklungswege führen zum leitenden Oberarzt, zur Chefarztstelle einer geriatrischen Abteilung, in die Leitung einer Rehaklinik oder in eine Tätigkeit als geriatrischer Konsiliarius. Auch Lehre, Qualitätsmanagement und Gutachtertätigkeit für den Medizinischen Dienst sind möglich.