Was macht ein Kalkulator im Ingenieur- und Infrastrukturbau?
Am Anfang steht eine Ausschreibung: ein Leistungsverzeichnis mit hunderten Positionen, Pläne, Baugrundgutachten, Vertragsbedingungen. Der Kalkulator liest das durch, prüft es auf Lücken und Widersprüche und übersetzt es in Geld. Für jede Position ermittelt er, wie viele Stunden Kolonnenarbeit nötig sind, welche Geräte wie lange auf der Baustelle stehen, wie viel Beton, Stahl, Schalung oder Verbaumaterial verbraucht wird. Er holt Preise bei Nachunternehmern und Lieferanten ein, vergleicht sie und rechnet Baustellengemeinkosten, Bauleitung, Unterkünfte, Wasserhaltung und Verkehrssicherung hinzu.
Ein großer Teil der Arbeit ist Bauverfahrenstechnik. Ob eine Brücke auf Lehrgerüst, im Taktschiebeverfahren oder mit Fertigteilen entsteht, verändert den Preis erheblich. Kalkulatoren entwickeln solche Varianten zusammen mit der technischen Abteilung und den Bauleitern, oft unter Zeitdruck kurz vor Abgabefrist. Sie bewerten Risiken: Baugrund, Grundwasser, Bauzeitenfenster, Sperrpausen bei Bahnprojekten, Nachträge, Materialpreisentwicklung. Nach Auftragserteilung übergeben sie die Arbeitskalkulation an die Bauleitung und werden bei Nachtragskalkulationen und Claims wieder gebraucht.
Wie wird man Kalkulator im Ingenieur- und Infrastrukturbau?
Der übliche Weg ist ein Bauingenieurstudium, Bachelor oder Master, mit Vertiefung Konstruktiver Ingenieurbau, Baubetrieb oder Verkehrswesen. Fast niemand steigt direkt nach dem Abschluss in die Kalkulation ein; die meisten arbeiten erst zwei bis fünf Jahre auf der Baustelle als Bauleiter und wechseln dann ins Büro, weil erst dann ein Gefühl für Leistungswerte und Bauabläufe vorhanden ist. Auch Bautechniker und Poliere mit langer Baustellenerfahrung kommen in die Kalkulation, meist über interne Entwicklung im Unternehmen. Erforderlich ist sicherer Umgang mit Kalkulationssoftware wie RIB iTWO, ARRIBA, BRZ oder Nevaris sowie mit VOB/B, VOB/C und den Vergaberegeln des öffentlichen Auftraggebers.
Was der Beruf verlangt
Die Arbeit ist Kopfarbeit am Schreibtisch, aber selten ruhig. Abgabetermine sind fix, Unterlagen kommen spät, Nachunternehmerangebote treffen am Vortag ein. Vor großen Submissionen sind Überstunden und Wochenendarbeit üblich. Wer Fehler macht, merkt es Monate später auf der Baustelle, und dann geht es um sechs- oder siebenstellige Beträge. Das verlangt Genauigkeit über lange Strecken und die Bereitschaft, Verantwortung für Annahmen zu tragen, die sich nicht beweisen lassen. Viele Angebote werden nicht gewonnen; ein Großteil der eigenen Arbeit landet dauerhaft in der Ablage. Damit muss man umgehen können. Reisetätigkeit gibt es zu Ortsterminen und Bietergesprächen, ist aber deutlich geringer als in der Bauleitung, was den Beruf für Menschen mit Familie attraktiv macht.
Aussichten
Der Bedarf ist hoch und stabil. Brücken, Schienenwege, Kanalnetze und Wasserbauwerke müssen in großem Umfang saniert werden, und Bauunternehmen finden zu wenige erfahrene Kalkulatoren. Wer den Beruf beherrscht, kann sich Arbeitgeber aussuchen. Entwicklungswege führen zum Leiter Kalkulation, in die Niederlassungs- oder Geschäftsbereichsleitung, ins Nachtrags- und Claim-Management oder in die Projektentwicklung. Möglich ist auch der Wechsel auf die Auftraggeberseite, etwa zu Bahn, Autobahngesellschaft oder Kommunen, oder in die freiberufliche Beratung für Baukostenprüfung und Streitfälle. Erfahrung mit BIM-basierter Mengenermittlung wird zunehmend erwartet.